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Neulich in der Luisenstraße


In Deutschland gibt es zur Zeit über 140 Fahrradstraßen. Die Luisenstraße in Wuppertal ist eine davon, und sie war eine der ersten Fahrradstraßen, die in Deutschland eingerichtet wurden. Das Einrichten von Fahrradstraßen wurde Ende der 90er Jahre ermöglicht. Die Idee: Förderung und Bündelung des Radverkehrs. Außerdem sollten die Radfahrer von den starkbefahrenen Hauptstraßen auf vorhandene Nebenstraßen geholt werden. Laut einem Positionspapier des ADFC steigern Fahrradstraßen die Verkehrssicherheit, das Fahrrad wird „als ernst zu nehmendes Verkehrsmittel in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt“ und die Radfahrerinnen und Radfahrer fühlen sich von der Verkehrsplanung berücksichtigt. Auch für die Anwohner ist eine Fahrradstraße eine schöne Sache: Der Straßenlärm wird reduziert und die Geschwindigkeit in der Straße gesenkt. Für den anliegenden Handel und die Gastronomie bedeuten mehr Radfahrer auch mehr Kunden, denn im Vergleich zu Autofahrern halten Radfahrer deutlich eher an einem Geschäft oder Café an.

Die Wuppertaler Fahrradstraße
Bereits 1997 wurden zwischen Sophienstraße und Auer Schulstraße die Verkehrsschilder 244.1 angebracht. Die Straße ist somit eine grundsätzlich für den Radverkehr vorgesehene Straße. Der KFZ-Verkehr ist nur in eine Richtung zugelassen, und zwar von West nach Ost. Der Fahrradverkehr „hat in dieser Straße Vorrang und darf in beide Richtung fahren. Außerdem darf in der Straße nebeneinander gefahren werden“*. Ferner gelten in einer Fahrradstraße die Regelungen zur Vorfahrt (StVO §8) und zum Vorbeifahren (StVO §6). Im §6 der StVO heißt es:

Wer an einer Fahrbahnverengung, einem Hindernis auf der Fahrbahn oder einem haltenden Fahrzeug links vorbeifahren will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen.

Das bedeutet für das eingebettete Video oben, dass der KFZ-Verkehr – ob Fahrradstraße oder nicht – nachrangig ist. Der Autofahrer hätte also dem Radfahrer – idealerweise an der Hauseinfahrt – die Vorbeifahrt ermöglichen müssen. Der Seitenabstand zum linken Bordstein suggeriert allerdings, dass der KFZ-Fahrer den Radfahrer bewusst behindern will, vielleicht weil er ihm fälschlicherweise einen Regelverstoß unterstellt und ihn maßregeln möchte. Nun ist ja Selbstjustiz in Deutschland verboten, aber das scheint bei vielen motorisierten Verkehrsteilnehmer ebenso unbekannt zu sein, wie die Existenz von Fahrradstraßen. Auch Uli hat ein Video in der Luisenstraße gedreht, in dem er in eine ähnliche Situation gekommen ist:

Auch mir passiert es an dieser Stelle immer wieder, dass mir der entgegenkommende Autoverkehr mir die Vorfahrt nimmt. Wenn man sich nun nicht schnell auf den Gehweg flüchtet (was verboten ist) hagelt es Beschimpfungen („Verpiss dich, du Arschloch) und Gewaltandrohungen („Ich fahr‘ dich gleich platt“) gepaart mit minimalen StVO-Kenntnissen („Fahrradstraße? Träumst du wohl“, „Radfahrer müssen immer warten“). Neulich hatte ich wieder solch ein „Gespräch“ mit einem Anwohner, der mir gleich zwei Mal die Vorfahrt genommen hatte. Er war wohl auf der Suche nach einem Parkplatz. Er sagte, dass er hier wohnt und er hätte noch nie von einer Fahrradstraße gehört. Das muss man sich mal vorstellen: 17 Jahre nach der Umwandlung in der Fahrradstraße ist dieses Verkehrskonzept noch nicht in den Köpfen der Wuppertaler KFZ-Fahrer angekommen.

Schade, denn eigentlich ist die Fahrradstraße eine nette Sache. Zwar kann man jetzt darüber streiten, wie sinnvoll eine teilweise gepflasterte Fahrradstraße mit massig PKW-Parkflächen und ohne Fahrradabstellmöglichkeiten ist, aber das Konzept an sich gefällt mir. Vielleicht ist das Problem, dass es in Wuppertal nur eine Straße dieser Art gibt. Vielleicht ist das auch der Grund für die fehlende Regelakzeptanz des motorisierten Verkehrs. Nach 17 Jahren sollte man mal eine größere Straße in eine Fahrradstraße umwandeln. Mir schwebt dabei die Hünefeldstraße zwischen Farbmühle und Landgericht vor.

Zum Schluss noch die obligatorische Frage: Wie sind euere Erlebnisse in der Luisenstraße?
* Fahrradkarte der Stadt Wuppertal

9 Kommentare

  1. Filme aus Helmkameras gesucht Filme aus Helmkameras gesucht

    Ich mag ja 2001 Odyssee im Weltraum – grade wegen des Walzers am Anfang.
    Und wenn ich so durch walzer-pfeifend durch die Strassen fahre, wünsche ich mir manchmal eine Helmkamera für ein Projekt, für das ich entweder ganz viele Fahrten selber machen muss, oder bei dem ganz Viele mitmachen.
    Es geht um einen Zusammenschnitt von Begegnungen von Radfahrenden und Blechkisten. Nachdem ich in kurzer Zeit zwei Beinaheunfälle hatte, bei denen mir jeweils in voller Fahrt die Vorfahrt genommen wurde, dachte ich, er wäre an der Zeit, mal Videos von dem Fehlverhalten anderer anzufertigen und mit schöner Musik unterlegt auf youtube zu veröffentichen. Kennzeichen und Gesichter natürlich weichgezeichnet – und sämtliche Rotlichtvergehen, Fahrradstrassen-Ignorierende, Weg-zu-Parkenden und Einbahnstrassen-falsch-Einfahrende (gibt es auch bei Autos…) ein Denkmal zu setzen. Wenn dann noch wer „Kampfradler“ sagt, dem kann dann dieser Film verlinkt werden. Den Walzer natürlich auf die youtube-Rezeptions-Dauer von 1:30 runtergedampft – aber manchmal fühle ich mich auf der Strasse in einem absurden Ballett, wenn ich um die Fahrzeuge, die sich nicht StVO-konform auf der Strasse* befinden herumkurve.
    (*Strasse – nicht nur Fahrbahn – Absicht)

    • christoph christoph

      An die 2001-Walzerszene muss ich manchmal auch denken. Meist wenn ich am Stau in der Kippdorf vorbeifahre 😉

  2. Rainer Frohnhoff Rainer Frohnhoff

    Eine Fahrradstraße mit dem Zusatzschild „Kfz frei“ ist in der Realität keine Fahrradstraße mehr. Es ist reine Kosmetik und Augenwischerei, dass weiß auch der Wuppertaler Fahrradbeauftragte – den gibts übrigens auch schon seit 17 Jahren – es wird ihm wohl egal sein.
    Wie die Polizei das Problem lösen möchte, haben wir ja vor kurzem in der Lokalzeit gesehen.
    Die Luisenstraße ist übrigens auch noch Teil des NRW-Radnetzes, also per Definition eine „fahrradfreundliche Verkehrsachse“.

    Et is zum Kotzen!

    • christoph christoph

      Das ist es wirklich! Das Verhalten von Polizei, Anwohnern und Medien (siehe Lokalzeit-Beitrag) zeigt, dass das Konzept „Fahrradstraße“ im Grunde, nicht nur in Wuppertal, gescheitert ist.

  3. Das Problem ist, und hier müsste Rainer Widmann dringend nachbessern lassen, dass an der Neuen Sophienkirche kein großes eindeutiges Schild auf die Fahrradstraße hinweist.

    Ich habe diese Situation täglich …. nur ist es so, dass die allermeisten Autofahrer aufgeben, wenn sie sehen, dass ihnen da langsam und immer langsamer ein Cellokasten auf dem Fahrrad entgegenkommt 😉

    Sollte mal meine Helmkamera reaktivieren …

    • Rainer Frohnhoff Rainer Frohnhoff

      … was kostet so’n Kasten und was wiegt der… wenns klappt! 😉

    • christoph christoph

      Das mit dem Cello-Kasten ist natürlich eine schöne Methode. 😉
      Was die Beschilderung angeht. Da sind ja zwei Fahrradstraßenschilder und ein Einbahnstraßen-Schild mit Zusatzzeichen 1022-10.

  4. F.T. F.T.

    Fahre nicht so oft da lang. Bin aber auch schon auf den Bürgersteig ausgewichen. Ist zum Teil recht eng.
    Werde ich nicht mehr machen.
    Ansonsten sind auch Fußgänger ein Problem.

    • christoph christoph

      Am Anfang bin ich auch auf den Gehweg ausgewichen, inzwischen ist mir das aber zu doof. Deshalb komme ich aber zwangsläufig in solche Situationen wie in dem Video oben. Es wird gehupt, geschimpft und beleidigt. Das muss man erstmal abkönnen.

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