Eine Probefahrt mit „Frikar“

Christoph Haberer von der Fahrradstadt Wuppertal, einem gemeinnützigen Verein, dem auch ich angehöre, hatte Ende Oktober die Möglichekit das „Frikar“ einmal Probe zu fahren. In einem Gastbeitrag für Talradler.de schildert er uns seine Eindrücke:

Im norwegischen Stavanger hat Hassel Sørensen vor ein paar Jahren das Unternehmen Podbike gegründet und angefangen, ein Fahrrad zu entwickeln, das den Komfort und Wetterschutz eines Autos bieten kann. Herausgekommen ist das „Frikar“, ein vierrädriges, vollkommen geschlossenes Velomobil. Inzwischen gibt es bereits ein paar tausend Vorbestellungen des Frikar, vornehmlich aus Norwegen und Deutschland. Grund genug für Podbike, auch hierzulande auf Tour zu gehen und die Neuentwicklung vorzustellen. Die Gelegenheit habe ich ergriffen und habe das Frikar in Düsseldorf einmal selbst in Augenschein genommen und probegefahren.

Die in Düsseldorf vorgestellten Fahrzeuge sind Vorserienmodelle. Sie rumpelten und knarzten, und das ein oder andere passte oder funktionierte noch nicht so wie es sein soll. Dennoch: die Verarbeitung wirkt schon bei den Vorserienmodellen sehr wertig und vernünftig (abgesehen von einigen noch offensichtlichen Baustellen, zum Beispiel dem Öffnungsmechanismus der Haube). Insgesamt ist es ein beeindruckender Ausblick auf das, was da mal in der Serienproduktion vom Band laufen wird. Die soll übrigens im nächsten Jahr starten. Bis dahin wird das Fahrzeug noch einmal auf Basis der Erfahrungen der Vorserie redesigned. Hauptaugenmerk soll dabei auf der Reduktion der Fahrgeräusche liegen.

Bei der Probefahrt galt mein größtes Interesse dem Fahrgefühl des Antriebs. Das Frikar hat einen sogenannten seriellen Hybridantrieb. Klingt schick, ist es auch. Die Kurbel treibt nicht die Räder direkt, sondern einen Generator an. An den Hinterrädern sitzt je ein Motor. Die Motoren werden mit dem Strom aus dem Generator und eines Akkus versorgt. Das hat Vorteile: eine Kette gibt es nicht, die Konstruktion des Fahrzeugs muss nicht den Verlauf der Kette berücksichtigen und kann freier erfolgen. Außerdem entfallen sehr viele bewegte (Verschleiß-)Teile, auch eine Schaltung ist nicht notwendig. Die insgesamt drei Antriebsriemen (ein Riemen zwischen Kurbel und Generator sowie zwei Riemen zwischen den Motoren und den Rädern der Hinterachse) dürften eine deutlich höhere Laufleistung haben als jede Fahrradkette. Zumal die beiden Riemen an der Hinterachse vollständig gekapselt und somit weder Schmutz noch Feuchtigkeit ausgesetzt sind.
Die große Herausforderung für die Entwickler ist es jedoch einen „runden Tritt“ möglich zu machen. Die Kraft des Fahrenden auf den Antrieb hängt nämlich von der Kurbelstellung ab und ist daher nicht konstant, sondern hat einen eher sinusförmigen Verlauf: bei waagerechter Kurbel ist das Drehmoment am größten und bei senkrechter Kurbel am kleinsten (auf einem normalen Fahrrad, auf dem der Fahrende über der Kurbel sitzt – bei einem Liegerad wie dem Frikar ist es umgekehrt). Bei einem direkten Antrieb wirkt die Massenträgheit von Rad und Fahrenden dem ungleichmäßigen Drehmoment entgegen und sorgt für eine gleichbleibende Drehzahl der Kurbel.
Einem Generator mit verhältnismäßig geringer bewegter Masse fehlt diese Trägheit. Die Folge: jeder Tritt geht gefühlt ins „Leere“. Die Massenträgheit muss also entweder (wie bei einem Spinningrad) durch ein großes Schwungrad oder elektronisch durch eine geschickt geregelte Belastung des Generators nachgebildet werden. Doch daran sind bisher viele Versuche des seriellen Hybridantrieb gescheitert.
Als ich das Frikar gefahren bin, war ich hingegen angenehm überrascht: Der „Tritt“ fühlte sich sehr angenehm rund und „natürlich“ an. Erst bei höherer Kadenz und einem stärkeren Tritt ging dieser mehr ins Leere. Allerdings war die Unterstützungsstufe der beiden Frikars auch aufs Maximum gestellt, die Last am Generator also minimal.
Auch das übrige Fahrgefühl war überzeugend: im Frikar sitzt es sich sehr bequem, die große Haube gibt einen guten Überblick und vermittelt trotz der sehr niedrigen Sitzposition ein gutes Gefühl. Die kleinen Spiegelchen können und sollen noch größer werden. Innen wirkt es geräumig, lediglich der Raum im Bereich der Ellenbogen und Unterarme ist recht eingeschränkt. Das war nicht unangenehm, aber ich hatte einfach das Gefühl, etwas eingeengt zu sitzen.
Hinter dem Sitz ist ein großer Stauraum – natürlich wurde unter den Testfahrenden sofort die wichtigste Frage diskutiert. Aber wir waren uns einig, dass da wohl ein Kasten Bier Platz findet. Vielleicht sogar zwei. Ein feines Detail, das alle Pollenallergiker sehr begrüßen dürften: das Frikar hat einen Lüfter für die Frischluftzufuhr, der mit einem auswechselbaren HEPA-Filter ausgestattet ist.
Die Beschleunigung war auch auf einer leichten Rampe sehr gut. Das Fahrwerk wirkte sehr stimmig und vermittelte mir stets ein sehr sicheres Gefühl. Auch die stellenweise holprige Teststrecke steckte das Frikar sehr gut weg. Es klapperte zwar sehr laut (siehe oben), aber gefühlt fuhr ich wie auf Schienen. Die Lenkung wirkt sehr präzise. Lediglich der Wendekreis ist sehr groß und dürfte bei sieben bis acht Metern liegen. Den Vorderrädern bleibt einfach zu wenig Raum zum einlenken, da zwischen ihnen Tretkurbel und Generator Platz finden muss. Glücklicherweise hat das Frikar einen Rückwärtsgang (einfach rückwärts treten), so dass es sich an engen Stellen leicht manövrieren lässt. So manch eine Umlaufsperre wird dennoch zum unüberwindbaren Hindernis werden.
Überzeugend ist auch der Preis, der aktuell veranschlagt wird: 4995 € bzw. 5499 € (netto) für eine besser ausgestattete Variante. Da drauf kommen noch 308 € für die in Deutschland zugelassene Beleuchtung, andere Extras nach eigenem Belieben (Scheibenwischer etc), Mehrwertsteuer und ggf. Lieferkosten. Für ein Fahrzeug, das komplett neu entwickelt und bis auf wenige Teile kaum auf vorhandene Komponenten zurückgreift, finde ich den Preis schon fast unglaubwürdig niedrig. Zumindest, solange es nicht in großer Masse produziert werden wird. Ich rechne also noch mit einer (völlig gerechtfertigten!) Preissteigerung sobald es in die Serienproduktion geht.
Ich bin sehr beeindruckt von dem, was bisher erreicht worden ist. Da ist ein völlig komplett neues und durch und durch ziemlich innovatives Fahrzeug entwickelt worden, das mich technisch und optisch sehr überzeugt. Das kleine Gefährt ist weit entfernt von den handlaminierten GfK-Bananen, die mir sonst beim Begriff „Velomobil“ vors innere Auge rollen. Das Frikar ist mehr ein kleiner PKW. Und das ist sicherlich auch die größte Kontroverse, die um das Fahrzeug geführt werden wird. Es stimmt, selbst wenn das Frikar rechtlich ein Fahrrad sein mag, praktisch ist es weit davon entfernt. Es war jedoch stets die Intention des Entwicklers, ein „Fahrrad“ für Autofahrende zu bauen. Und das gelingt Podbike überaus gut. Ich sehe sehr großes Potenzial, hier noch einmal viele Menschen anzusprechen und abzuholen und für eine andere Art der Mobilität zu gewinnen.

Übrigens: der Wuppertaler Fahrradverleiher Velotal wird ein Frikar in seinen Verleih aufnehmen.